Paua Shells

Paua Shells

Gestern hatten wir wieder eine dieser wundervollen Begegnungen, die ich in diesem Land so sehr schätze, weil sie viel über die Mentalität der Kiwis aussagen.

Wir hatten bereits vor einigen Wochen ein paar Paua Shells (Ohrenmuscheln, die aber genau genommen Schnecken sind) an einem einsamen und tollen Strand in der Nähe der Jackson Bay gefunden. Die Innenseite dieser Muscheln schimmert perlmuttfarben, wohingegen die Außenseite erst noch poliert, d.h. von einer unscheinbaren harten Kruste befreit werden muss, bevor sie genauso schön glänzt. Man kann die Paua Shells natürlich auch in Souvenierläden kaufen, aber wir dachten uns, dass eine selbst gefundene und aufgearbeitete Muschel viel schöner und individueller sein könnte 🙂

Im Internet findet man in diversen Foren Einträge wie man die Pauas selbst bearbeiten kann (bspw. mit Sandpapier abschleifen oder mit ätzenden Chemikalien bearbeiten), jedoch scheint dies relativ aufwendig, nur zweifelhaft erfolgversprechend und darüber hinaus u.U. auch gesundheitsschädlich zu sein. So fanden wir zwei Anlaufstellen auf der Südinsel, zu denen man seine eigenen Pauas bringen kann und welche das Polishing übernehmen.

Eine davon ist in Riverton, welche wir sodann ansteuerten, da wir in der Nähe waren. Man stelle sich zunächst diesen Ort vor – ein kleines, verschlafenes Fischerörtchen etwa 35 km von Invercargill, der westlichsten und südlichsten Stadt Neuseelands, entfernt. Es gibt eine Hauptstraße, an der sich einige Handwerkskunstläden, Souveniershops, Fischläden und ein Informationszentrum entlang reihen; die Fassaden blättern jedoch ab und man bekommt das Gefühl, dass dieser Ort entweder seine besseren Zeiten bereits hinter sich hat, oder dass den Einwohnern Chick und Charme einfach weniger wichtig sind. An ebenjener Hauptstraße sollte sich auch der von uns gesuchte Shop befinden. An der recherchierten Adresse sah man von außen lediglich eine Art Antiquitäten- bzw. Kramladen, woraufhin wir schon dachten, wir müssten hier falsch sein. Erst als wir um die Ecke gingen, verriet ein Aufsteller “Riverton Paua Factory: Open”.

Wir gingen also hinein und fanden uns in einer Werkstatt wieder, in der ein von einer weissen Staubschicht überzogenes Chaos herrschte. Der dort tätige Mann bemerkte uns offensichtlich nicht, denn er arbeitete unter einem Abzug mit Gehörschutz. Karsten wäre wohl wieder umgekehrt, aber ich näherte mich ihm einfach und irgendwann sah er mich wohl aus dem Augenwinkel, nahm die Kopfhörer ab und fragte uns freundlich wie er uns behilflich sein könne. Aus seinem rundlichen, von vielen Fältchen überzogenen Gesicht, konnte man viele Jahre Lebenserfahrung sowie eine große Portion Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit ablesen (später erfuhren wir, dass er Wayne heißt, berentet ist und gemeinsam mit seiner Frau noch für einige Stunden am Tag kleinere Arbeiten macht). Ich schilderte ihm unser Anliegen, woraufhin er uns sehr freundlich erklärte, dass eine Bearbeitung unserer sog. „Beach Shells” (im Gegensatz zu den im Wasser gefundenen) wohl wenig erfolgversprechend sei, da diese aller Wahrscheinlichkeit nach zu dünnwandig und damit das Risiko, dass diese kaputt gingen, sehr hoch sei. Er zeigte uns einige für einen Kunden bearbeitete Pauas, aber es hatte ihn “ages” gekostet bis er sie in den jetzigen Zustand gebracht hatte. Für uns sahen sie wunderschön aus, in verschiedenen Blautönen und mit wellenförmigem Muster schillernd und vor allem bestimmt drei Mal so groß wie unsere! Danach trauten wir uns kaum noch ihm unsere eigenen zu zeigen! Als wir sie dann später holten, zeigte sich, dass er Recht gehabt hatte mit seiner Vermutung – sie waren leider viel zu dünn, einige hatten eine Krankheit, die die Schale noch dünner machte, und sie waren wohl auch zu lange der Sonne ausgesetzt gewesen, was ja dazu passte, dass wir sie am Strand gefunden hatten. Er erklärte uns, dass heutzutage wohl fast alle Pauas nach Asien exportiert werden, wo in großem und günstigem Stil die Bearbeitung stattfindet. Anschließend importiert Neuseeland sie zurück ins Land, wo sie als “NZ Pauas” verkaufen werden. Die Bearbeitung könne wohl leider tatsächlich gesundheitsschädlich sein und früher habe er sogar ohne Munschutz gearbeitet, was sich nach einigen Jahr(zehnten) negativ in seiner Lunge bemerkbar gemacht hätte…Wayne ist nun berentet und übernimmt nur noch kleinere Arbeiten für seinen Sohn, der aus den Pauas hauptsächlich Schmuck herstellt und diesen auf Märkten verkauft; dies erspart die Kosten für eine permanente Verkaufsfläche. Insgesamt gibt es deshalb in Neuseeland aus den genannten Gründen (relativ großer Aufwand bei hohem Gesundheitsrisiko sowie Preisdruck aus Asien) nur noch einige wenige Kunsthandwerker, die dieses Handwerk ausüben. Und auch Waynes kleine Werkstatt wird diesem Trend zum Opfer fallen…nachdem wir mit ihm noch recht lange über dies und jenes erzählt haben, berichtet er uns, dass dieses Haus, in dem wir uns gerade befinden, in 2 Wochen verkauft wird. Sein Sohn betreibt das Geschäft zwar wie gesagt weiter, jedoch in mobiler und weniger extensiver Form.

Wayne hat mich deshalb nachhaltig beeindruckt, weil er uns so offen und ehrlich viele Dinge aus seinem Leben berichtet hat. Wir kamen auch noch auf das Thema Angeln zu sprechen, denn er sagte, wir hätten Glück gehabt ihn anzutreffen, denn er sei gerade von einer ausgedehnten Mittagspause zurückgekehrt, in der er geangelt habe. Der Beweis präsentierte sich sodann in einem Netz im Nebenraum: Eine wunderschöne orangefarbene Flunder, die seine Frau zum Abendessen zubereiten würde. Das Leben am und mit dem Meer ist Waynes Lebensinhalt. Er gab noch frei heraus einige verrückte Fishing-stories, Fotos von (für unsere Verhältnisse riesigen!) Regenbogenforellen sowie Selbstverteidigungs-Tipps wenn man auf einen Hai oder einen wild gewordenen Seelöwen stößt zum Besten. Besonders Karsten interessiert sich natürlich sehr für das Thema Angeln und allein darüber könnte man sicher noch eine ganze Abhandlung schreiben! Ich fand das, was er erzählt hat, ebenfalls spannend, aber habe mich mehr an der Art und Weise wie offen und lebensfroh Wayne uns all diese Dinge erzählt hat, erfreut. Mir ist aufgefallen, dass er uns kaum etwas Persönliches über uns gefragt hat – wenn man von der Frage nach unserer Herkunft absieht, was aber mehr dazu diente zu erfragen, ob es für uns möglich sei die Pauas aus Neuseeland auszuführen; es ist nämlich bspw. verboten sie nach Australien auszufūhren, was der Prävention der Krankheitsverbreitung dienen soll, da es dort ebenfalls verschiedene Paua-Arten gibt.

Und dabei habe ich wieder etwas über mich gelernt: erstens denke ich, bin ich so erzogen worden, dass es höflich ist, auch seinem Gesprächspartner Fragen zu stellen und dadurch die Gesprächsanteile relativ ausgewogen zu halten. Und zweitens glaube ich, dass wir Deutschen (in aller Regel und ich möchte nicht verallgemeinern) eher zurückhaltender sind, was die Kommunikation mit komplett Fremden anbelangt. Ich glaube, wir würden erst einmal durch ein paar Gegenfragen versuchen herauszufinden wie das Gegenüber so tickt, ob man ihm/ihr vertrauen kann, bevor man so viel über sich selbst preisgibt – sozusagen als Sicherheitsanker. Möglicherweise sieht man „uns Touris” jedoch auch gleich unsere Harmlosigkeit an oder wir hatten selbst so eine freundliche und interessierte Ausstrahlung, dass das nicht nötig war 😉 wer weiß… aber ich denke, dass ich nach 2 Monaten in diesem Land und einigen intensiveren Begegnungen mit den Menschen hier doch langsam allgemeinere Schlüsse ziehen kann hinsichtlich der Mentalität der Kiwis. Auch Fremden gegenüber sind sie in aller Regel sehr interessiert, haben meistens Zeit (oder nehmen sich die Zeit (?)) für ein kurzes Gespräch, das auch mal, wie bei Wayne und uns 1 ½ Stunden dauern kann, und sind weniger misstrauisch.

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen in unserer Heimat ebenfalls ein klein wenig mehr in diese Richtung tendieren und die Kommunikation mit Fremden weniger scheuen. Es muss ja gar nicht immer einem Zweck dienen oder man muss gar nicht im voraus wissen, was oder ob es jetzt “etwas bringt” sich länger mit dieser Person zu unterhalten. Ich glaube, wir wollen oftmals nichts von unserer kostbaren Zeit “opfern”, von unserem Tag, in dem alles durchgeplant und durchstrukturiert ist. Fürs einkaufen ist da nun einmal nur eine halbe Stunde eingeplant und in der möchte man alles schaffen; da wäre ein ungeplantes Pläuschchen schon zu viel! Und so lerne ich durch unserem Lebensstil, den wir hier pflegen, dass gerade diese ungeplanten Begegnungen und Gespräche, bei denen man nicht weiß, ob sie 5 oder 50 Minuten dauern werden, so gewinnbringend sein können. Man unterhält sich vielleicht über eine Sache und kommt dann durch Zufall auf ein anderes Thema, was vielleicht wieder die Tür zu etwas anderem öffnet. Und mit gewinnbringend meine ich für beide Seiten. Nicht einfach nur, dass ich einen Gewinn für mich herausziehe, sondern dass ich auch etwas zurückgeben kann. Ich bin mir sicher, dass auch Wayne es genossen hat, uns seine Geschichten zu erzählen, denn es ist schön, wenn jemand interessiert nachfragt und ehrliches Interesse zeigt. Und darüber, dass wir unsere selbst gesammelten Pauas nun nicht polieren lassen konnten, war ich auch nur ein kleines bisschen enttäuscht; ich weiß jetzt wieviel Aufwand in der Bearbeitung steckt und empfinde den Preis nun sogar eher als zu gering. Im Endeffekt habe ich nun nicht das bekommen, was ich wollte und könnte darüber traurig sein. Bin ich aber überhaupt nicht, denn ich habe viel positive Energie durch Waynes Offenheit uns gegenüber sowie einen neuen Wissensschatz gewonnen und dafür bin ich sehr dankbar.

Paua – das Maori-Wort und deshalb in Neuseeland gebräuchliche Bezeichnung für Seeohren, auch Meerohren, Abalonen oder Irismuscheln (Haliotis Iris) genannt; das Fleisch gilt als Delikatesse, aus der Schale werden traditionell Schmuck oder andere Geschenke gemacht; sie soll dem Beschenkten Glück, Reichtum und Frieden bringen (Stärkung des Körpers und Geistes) sowie Krankheiten heilen; zudem werden im Maori-Kunsthandwerk die Augen von geschnitzten Statuen (warriors) mit Pauas ausgekleidet, um gute Kampfeigenschaften zu symbolisieren
In Neuseeland kommen 3 Paua-Arten vor: die häufigste Haliotis Iris, daneben Haliotis australis (Queen Paua) und Haliotis virginea (Vigin Paua)

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